Zahnärzte als Partner
 
 
 

Zahnärzte als Partner

Mundhygiene beim pflegebedürftigen Diabetes-Patienten

Zwei Zahnärztinnen aus Berlin im Interview:

Dr. Henny Deda
Zahnärztin
Angelika Römert
Zahnärztin

Welche Bedeutung hat die orale Mundgesundheit für die Lebensqualität im höheren Alter?

Frau Dr. Deda:
"Gesund beginnt im Mund" sagt der Volksmund und diese Weisheit trifft auf jedes Alter zu. Dass Zähne oder funktionstüchtiger Zahnersatz bei der Ernährung eine Rolle spielen, ist uns allen bewusst. Zähne haben aber noch weitere Funktionen:

1. Phonetik/Aussprache: Gebisslose Menschen haben keine klare Aussprache und wir verstehen sie schlecht. Zum einen vermeiden wir eine Unterhaltung mit Ihnen und zum anderen ziehen sich diese Menschen auch immer mehr zurück. Dieses führt zu einer Vereinsamung.

2. Soziale Kompetenz/Kontakte: Menschen mit ungepflegten Zähnen (gerade auch im Alter, da die Mundpflege abnimmt) haben oft Mundgeruch. Eine ungestörte Kommunikation ist nicht gewährleistet.

3. Lachen: Häufig haben alte Menschen Schamgefühle wegen schlecht sitzender Prothesen. Sie trauen sich nicht in der Öffentlichkeit zu essen oder auch zu lachen. Aber gerade Lachen ist ein wichtiger Aspekt und fördert Lebensqualität.

4. Ausstrahlung/Gesichtsharmonie: Ein Mensch ohne Zähne wirkt alt - gerade in unserer heutigen Zeit ein Dünkel.

Frau Römert:
Schlecht sitzender Zahnersatz oder wackelnde Zähne können zu Schmerzen beim Kauen führen und die Kaufähigkeit der älteren Patienten erheblich einschränken. Dies führt oft zur verminderten Nahrungsaufnahme- bis hin zur Mangelernährung. Die psychische Belastung durch Schamgefühle und die soziale Isolation schränken die Lebensqualität zusätzlich ein.

Inwiefern sind Diabetes-Patienten besonders betroffen?

Frau Dr. Deda:

Seit 1972 ist bekannt, dass Diabetes und chronische Zahnfleischentzündungen sich gegenseitig beeinflussen. Bei einer Parodontitis zeigt sich ein erhöhter Knochenverlust und die Folge sind Zahnentfernungen, da die Verankerung der Zähne im Knochen nicht mehr gewährleistet ist. Diabetiker leiden 3 x häufiger an Parodontitis und der Verlauf ist folgenreicher.

- Erhöhen die Insulinresistenz = Widerstandsfähigkeit  - Erschweren die Zuckereinstellung- Fördern diabetische Komplikationen (Auge, Niere, Nerven)

Mit einer guten Mundhygiene lässt sich der HbA1c Wert (4,5-6,5) um 0,4% Punkte senken.

Frau Römert:
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand des Zahnfleisches und Diabetes, insbesondere durch die Wechselwirkung zwischen der Parodontitis und der diabetischen Stoffwechsellage.

Wie beurteilen Sie die Mundgesundheit älterer und pflegebedürftiger Diabetes-Patienten?

Frau Dr. Deda:
Die Mundgesundheit hängt einerseits mit dem Mundgesundheitsbewusstsein zusammen, andererseits mit der Feinmotorik älteren Menschen. Diese lässt bekanntlich im Alter nach. Sind pflegebedürftige Patienten nicht mehr in der Lage, eine ordentliche Mundhygiene selber vorzunehmen, sollten das Pflegepersonal oder die pflegenden Angehörigen diese Aufgabe übernehmen. Hier ist großer Nachholbedarf zu verzeichnen.

Frau Römert:
Das hängt nach meinen Erfahrungen, die übrigens durch entsprechende Studien gestützt werden, unmittelbar damit zusammen, wer die Mundpflege beim Pflegebedürftigen durchführt. Patienten, die die Mundpflege noch selbstständig durchführen, von Angehörigen gepflegt werden oder durch einen häuslichen Pflegedienst dabei unterstützt werden, haben eine befriedigende bis gute Mundgesundheit. Die orale Gesundheit von Pflegebedürftigen in großen, stationären Pflegeeinrichtungen ist häufig mangelhaft. Dies liegt meiner Meinung nach an den unzureichenden Pflegezeiten, Personalmangel und einer fehlenden Sensibilität für dieses Thema.

Was könnte aus Ihrer Sicht zu einer Verbesserung der Mundgesundheit dieser verletzlichen Patientengruppe beitragen?

Frau Dr. Deda:
"Wissen ist Macht". Auch dieses Sprichwort hat seine Berechtigung bei der Mundgesundheit. Kontinuierliche Aufklärung bei Patienten, aber auch beim Pflegepersonal ist ratsam. Da ältere Menschen häufig an mehreren chronischen Krankheiten leiden, spielt die Mundhygiene eine wesentliche Rolle. Wissenschaftliche Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen auf. Die Therapie muss immer ursachengerecht sein und die Befindlichkeiten der Patienten berücksichtigen.

Frau Römert:
Eine adäquate Ausbildung des Pflegepersonals und die Einbeziehung einer Mundpflegezeit in die Körperpflege, denn gerade bei demenziell erkrankten Patienten gestaltet sich die Mundpflege oft extrem schwierig und erfordert ein hohes Maß an Fachkompetenz, Geduld und Einführungsvermögen.

Arbeiten Sie als Zahnärztin mit Pflegeeinrichtungen zusammen? Wenn ja, wie?

Frau Dr. Deda:
Ja: Es hat sich ein 3monatiger Fortbildungszyklus bewährt, um das Pflegepersonal optimal zu schulen. Die Kombination aus Theorie und Praxis
ist die effektivste Form der Aufklärung. Wir sind dabei eine mobile Pflege aufzubauen. Eine Tagesklinik ist angeschlossen.

Frau Römert:
Neben meiner Praxistätigkeit mache ich Hausbesuche bei Patienten zu Hause, die ambulant betreut werden, in stationären Pflegeeinrichtungen und auch bei Sterbenden im Hospiz.

Was empfehlen Sie Pflegenden, die Diabetes-Patienten betreuen, in Bezug auf den Erhalt eines gesunden Mundraumes?

Frau Dr. Deda:
-Regelmäßige Mundhygiene vorzunehmen.
-Regelmäßiger Zahnarztbesuch.
-Gründliche Prothesenreinigung.
-Zungenreinigung nicht vergessen.
-Informationsveranstaltungen besuchen.

Frau Römert:
Die Mundpflege sollte mindestens zweimal täglich erfolgen und kann durch die Anwendung von Mundspüllösungen unterstützt werden. Helfen Sie Ihren Patienten bei der Organisation der professionellen Zahnreinigung und Untersuchung durch einen Zahnarzt, wenn möglich zweimal im Jahr.

Vielen Dank für das Gespräch!

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